«In edlem, einfachem Style»

Melchior Berri, 1822

Mit diesem Leitsatz hob sich das Enfant terrible, Melchior Berri, im Alter von 22 Jahren von seinen 13 Mitbewerbern ab und erhielt den Auftrag, das Stadtcasino zu entwerfen. Entlohnt wurde er dafür von der Gesellschaft zwar lediglich mit 40 Louis d’Or (ein Äquivalent von 16 Franken), doch im Gegenzug entstand eines der bedeutendsten und wandlungsfähigsten Gebäude Basels. Daraus liesse sich eine Redewendung ableiten: „doing a Berri“, jemand, der all seinen Mitstreitern und Abmachungen trotzt.

Wer heute also das Stadtcasino Basel betritt, überschreitet nicht bloss eine Türschwelle, er tritt mitten in ein Gespräch ein, das seit über zweihundert Jahren ununterbrochen geführt wird. Es ist ein Ort, an dem Steine ein Gedächtnis besitzen und Architektur über Generationen hinweg debattiert wird. Kaum ein Gebäude in Basel verdeutlicht so eindrücklich, dass ein Haus nie wirklich „fertig“ ist. Vielmehr gleicht es einer lebendigen Partitur, die mit jeder Epoche neu interpretiert werden muss.


Die Disziplin der Leere und die Geburt des Klangs

Die Reise beginnt 1822 bei Melchior Berri. Sein Entwurf basierte auf Weinbrenners Theaterentwurf für Gotha und war ein Plädoyer für vornehme Zurückhaltung. In einer Zeit, die nach monumentaler Repräsentation dürstete, forderte er einen „edlen, einfachen Stil“. Man wollte keinen Palast, der den Besucher durch Opulenz erdrückt, sondern ein Haus, das sich zurücknimmt, um der Begegnung und der Musik den Vortritt zu lassen.

Doch Architektur ist kein statischer Rahmen, sie ist Evolution. Es zeigte sich, dass das Stadtcasino eine Klangjustierung benötigte. Diese fügte 1876 Johann Jakob Stehlin dem Musiksaal hinzu. Während Berri sich der Ruhe des Raums widmete, stellte Stehlin den Klang in den Mittelpunkt. Setzte man diese beiden an einen Tisch, würde ein Gespräch ungefähr so ablaufen:

Stehlin: „Der Raum wirkt durch seine Ruhe, gewiss, Melchior, aber er muss auch zum Resonanzkörper werden. Wenn der Klang die Menschen trägt, dann muss die Architektur diesen Klang halten können.“ „Na dann“, erwidert Berri, „kreieren wir doch eine Symbiose aus architektonischer Klarheit und akustischer Brillanz, so schaffen wir ein kulturelles Rückgrat für Basel.“

Der Musiksaal zählt seit 1876 bis heute zu den besten der Welt.


Provokation und Präzision

Jahrzehnte später klopfte die Moderne mit einer radikalen Geste an. 2007 warf Zaha Hadid ihre Vision in den Ring, eine Architektur der fliessenden Bewegung, die das Statische überwinden wollte. Das Casino wäre zur expressiven Skulptur geworden, ein Zeichen, das den Himmel berührt.

Doch im fiktiven Rat der Epochen regte sich Widerstand: Berri sorgte sich um die Geborgenheit des Individuums, Stehlin um die Seele des Klangs, und die Basler entschieden sich gegen den Bruch und für die Fortführung der Geschichte. „Wie wäre es mit einer behutsamen Freilegung in edlem, einfachem Stil? Einer, in der man die Details der Epoche modernisiert?“ Herzog & de Meuron integrierten diesen Ansatz genau richtig in das 2020 eröffneten Erweiterungsprojekt.

Während eine technologische Avantgarde das Ergebnis vielleicht als zu „leise“ bemängelt hätte, bewiesen Herzog & de Meuron, dass die radikalste Tat heute darin bestehen kann, das Vorhandene nicht zu ersetzen, sondern es als Fundament für das Neue zu begreifen.


Die Zukunft Eine atmende Synergie

Doch wie spinnt sich dieser Dialog weiter, wenn wir den Blick nach vorn richten? Das Stadtcasino wird sich erneut verwandeln müssen, denn wir stehen in neuen Epochen mit neuen Fragen.

Wie sieht die Architektur der Zukunft aus, wie gestaltet sich die Musik? Vielleicht verschmilzt die Architektur bald mit holografischen Projektionen, die den Saal passend zur Partitur in wechselnde atmosphärische Welten tauchen.

Neue Instrumente, die jenseits des physisch Greifbaren klingen, werden Räume fordern, die sich akustisch anpassen können, eine „atmende“ Akustik, die mittels künstlicher Intelligenz jeden Ton perfekt im Raum platziert.

Auch die Rolle des Publikums wandelt sich: Wird die Zuhörerschaft passiv bleiben oder Teil einer interaktiven Performance werden? „Wird die Tradition in dieser digitalen Flut untergehen?“, fragt Berri besorgt aus dem Off.

Die Antwort liegt wohl in einer Synthese. Die physische Präsenz der geschwungenen Treppen, der Kronleuchter und der Musiksäle wird ein Anker bleiben für eine Welt, die sich zunehmend ins Virtuelle auflöst. Nachhaltigkeit wird dabei zur ästhetischen Pflicht: Ein Haus, das über 200 Jahre Bestand hat, hat die Aufgabe, ressourcenschonend zu agieren. Die aktuelle Nachhaltigkeitszertifizierung ist kein Endpunkt, sondern der Treibstoff für eine Zukunft, in der Beständigkeit und Fortschritt Hand in Hand gehen.

Das Stadtcasino Basel bleibt ein Dialog zwischen der würdevollen Architektur und der pulsierenden Energie des Neuen. Es lehrt uns, dass wir die Zukunft nur dann sinnvoll gestalten können, wenn sie zusammen mit dem Echo der Vergangenheit entworfen wird.