Paul Sacher, 1961
«Armes reiches Basel!» Drei Worte, ein Seufzer, eine ganze Kulturkritik. So brachte es 1961 Paul Sacher auf den Punkt – Dirigent, Mäzen, Basler Institution mit Taktstock.
Der Satz sass damals. Er sitzt, mit erstaunlich wenig Verschleiss, bis heute.
Wenn Kubelík der Autoausstellung weichen muss
Man stelle sich die Szene vor: Der weltberühmte Dirigent Rafael Kubelík probt mit seinem Orchester – nicht im Musiksaal des Stadtcasinos, sondern nebenan im Hans Huber-Saal. Nicht wegen einer Renovation, sondern weil im eigentlichen Konzertsaal gerade Blechkarossen glänzen: Der Saal ist einer Autoausstellung gewichen.
Sacher, der selbst schon einmal einem Boxkampf weichen musste, reichte es. Solche Probebedingungen seien «für alle Beteiligten eine Qual», schrieb er – und stellte die Frage, die jedem Basler Kulturbetrieb bis heute im Nacken sitzt: Kommt ein Kubelík da überhaupt wieder? Oder zieht er weiter, dorthin, wo der Saal Saal bleibt und nicht Ausstellungshalle wird?
Sacher, nie um ein Wort verlegen, legte gleich nach: schäbige Solistenzimmer, mangelhafte Beleuchtung – und die Orgel. Die sei, so sein Verdikt, längst kein Instrument mehr, sondern eine Attrappe. Die sterblichen Überreste einer Orgel, aufgebahrt im Prospekt.
Basel, reich an Pharma-Millionen und Kunstsammlungen, konnte offenbar nicht einmal seine Orgel bei Verstand halten, daher: «Armes reiches Basel!» – ein Satz, so treffend, dass er die Stadt gleich mehrfach charakterisiert, bevor sie überhaupt reagieren kann.
Basel diskutiert über Kultur. Natürlich.
Der Zeitpunkt war kein Zufall. Basel stritt in jenen Jahren grundsätzlicher über seine kulturelle Infrastruktur. 1952 ein Ideenwettbewerb für ein Kulturzentrum am Steinenberg – Opernhaus, Schauspielhaus, Kunsthalle, gleich das ganze Quartier neu gedacht, 50'000 Franken Preisgeld, grosse Pläne. Parallel die Idee eines neuen Theaters auf dem Casino-Areal. Verwirklicht wurde nichts davon. Basel bleibt sich treu: Man entwirft, man verwirft, man diskutiert weiter. Doch wirkungslos war all das nicht – der Druck auf die Casino-Gesellschaft wuchs, und mit ihm die Frage, was ein Konzerthaus der Gegenwart eigentlich können muss.
Immerhin: Dach und Fassade wurden 1954 saniert, zwischen 1955 und 1957 Podium und Nebenräume erneuert, nur die Orgel blieb, was sie war – eine Kulisse.
Eine Orgel, die eigentlich keine mehr war
Das Instrument von 1905 war schleichend verschwunden: erst vernachlässigt, dann Stück für Stück ausgeweidet, bis nur die imposante Fassade übrigblieb – Basler Understatement in umgekehrter Richtung, ein Prunkgehäuse ohne Inhalt.
Eine neue Orgel: rund eine halbe Million Franken, weit jenseits dessen, was die Casino-Gesellschaft aufbringen konnte. Die Lösung kam, wie es sich für Basel gehört, aus der Ehe von Kultur und Kapital: Hoffmann-La Roche stiftete zum 75-jährigen Firmenjubiläum eine neue Orgel.
Sachers «armes reiches Basel» bekam damit, ein paar Jahre zu spät für seine eigene Pointe, eine hübsche Antwort: Reich war die Stadt eben nicht nur an Bankkonten, sondern vor allem an Menschen, die bereit waren, ihren Wohlstand mit der Allgemeinheit zu teilen – an grosszügigen Mäzeninnen und Mäzenen, die Kultur nicht nur genossen, sondern ermöglichten. 1971 zog die neue Orgel hinter dem historischen Prospekt von 1905 ein. Die Hülle blieb. Der Inhalt wurde ausgetauscht – fast schon ein Basler Lebensmotto.
Ein historisches Kleid für eine neue Orgel
Beim grossen Umbau des Stadtcasinos zwischen 2016 und 2020 stand die Orgelfrage erneut zur Debatte, diesmal mit deutlich mehr Ambition. Der denkmalgeschützte Prospekt von 1905 blieb erhalten und wurde restauriert; dahinter entstand, gebaut von Metzler Orgelbau mit Orgelbau Klahre, ein komplett neues Instrument – eine moderne Konzertsaalorgel, gepresst in ein hundertjähriges Korsett, ohne dass man ihr das ansieht.
Das Ergebnis: 51 Register, zwei Verlängerungen, acht Transmissionen an der Hauptorgel, dazu fünf klingende Register einer winddynamischen Orgel – ein Werk, bei dem sich der Winddruck während des Spiels verändern lässt. Ein Ton kann also, einmal angeschlagen, noch anschwellen oder verebben. Für eine Konzertsaalorgel war das ein Novum. Selbst die Pfeifen folgen dem Zeitgeist: zertifiziertes, konfliktfreies Zinn.
Am 4. September 2020 wurde das Instrument im Rahmen des ersten Orgelfestivals eingeweiht, mit Iveta Apkalna, Vincent Dubois und Thomas Trotter an den Tasten.
Vom Boxring zum Orgelfestival
Was Sacher wohl gesagt hätte? Die «Attrappe» von 1961 ist einem Instrument gewichen, das Handwerkstradition mit technischer Raffinesse verbindet. Und der Saal, den er einst gegen Blech und Boxhandschuhe verteidigte, ist heute wieder das, was er sein sollte: ein Konzertsaal.
Sechzig Jahre später liest sich «Armes reiches Basel!» weniger wie eine Klage als wie eine Charakterstudie der Stadt. Basel streitet leidenschaftlich darüber, was Kultur darf, wer sie bezahlt und wo sie stattfinden soll – um am Ende, nach Umwegen über Ideenwettbewerbe und verworfene Grosspläne, eine Lösung zu finden, die besser ist als das, was ursprünglich geplant war. Vielleicht ist genau das die Basler Formel für Kulturförderung: zuerst streiten, dann bauen, und irgendwann spielt die Orgel doch noch. Paul Sacher hätte vermutlich immer noch etwas zu bemängeln gefunden. Aber vielleicht, ganz vielleicht, hätte er sich auch gefreut.