«Für einen Künstler ist Basel wahres Sibirien»

Ernst Michael Quirin Reiter, 19. Jahrhundert

Sicht aus der neuen Orgel in den Musiksaal

Ein Satz, der hängen bleibt.

Er stammt von Ernst Michael Quirin Reiter – Violinist, Dirigent und Komponist –, der im 19. Jahrhundert nach Basel kam, um im Stadtcasino aufzutreten. Die erste Begegnung mit der Stadt scheint ihn jedoch wenig begeistert zu haben. «Sibirien», soll er gesagt haben – ein Ort also, an dem ein Künstler eher friert als aufblüht.

Natürlich ist dieses Bonmot vor allem ein kleines Stück Basler Kulturgeschichte – und keineswegs als Urteil über das reale Sibirien zu verstehen. Es scheint, als hätten manche künstlerischen Gemüter auf neue Städte zunächst mit einer gewissen frostigen Skepsis reagiert.

Das ist ein bemerkenswertes Urteil. Besonders wenn man bedenkt, dass Reiter danach jahrzehntelang in Basel blieb. Er wurde Konzertmeister der Basler Konzertgesellschaft, leitete den Basler Gesangverein und prägte das Musikleben der Stadt nachhaltig. Unter seiner Leitung erklangen hier erstmals Werke von Beethoven, Bach oder Brahms. Beethovens 9. Sinfonie wurde in Basel erstmals aufgeführt, ebenso Bachs Johannes- und Matthäus-Passion sowie Brahms’ Deutsches Requiem.

Für ein «Sibirien» ist das eine erstaunliche Bilanz.

Vielleicht lag das Problem also weniger bei Basel als bei den Erwartungen, mit denen ein Künstler damals in eine Stadt kam.

Basel war nie eine Stadt der grossen Gesten. Begeisterung wird hier selten laut ausgesprochen. Man schaut erst einmal hin, hört zu, prüft. Man könnte sagen: Basel ist keine Stadt der grossen Gesten, sondern der langen Atemzüge. Qualität muss sich beweisen dürfen. Das kann für Künstlerinnen und Künstler irritierend sein – besonders wenn sie aus Städten kommen, in denen Applaus schneller verteilt wird.

Doch diese Haltung hat etwas hervorgebracht, das heute kaum zu übersehen ist: eine der dichtesten Kulturlandschaften Europas.

Das kulturelle Leben Basels entstand nicht über Nacht. Es wuchs über Generationen – getragen von Institutionen, Vereinen, engagierten Bürgerinnen und Bürgern und nicht zuletzt von einem besonderen Phänomen: dem Basler Mäzenatentum.

Dieses Mäzenatentum ist grosszügig, aber diskret. Unterstützung geschieht oft ohne grosses Aufsehen, dafür mit langfristigem Blick und viel Verantwortungsgefühl. In vielen Familien und Unternehmen wird dieses Engagement über Generationen weitergegeben.

In Basel gilt ein unausgesprochenes Prinzip: Wohlstand zeigt man nicht laut. Besitz wird hier selten demonstrativ zur Schau gestellt. Umso selbstverständlicher engagiert man sich für das, was der Gemeinschaft zugutekommt – etwa für Kultur.

Diese Mischung aus Zurückhaltung und Konsequenz hat eine kulturelle Landschaft hervorgebracht, die sich sehen lassen kann. Museen von internationalem Rang, eine lebendige Musikszene, Theater, Festivals, Off-Spaces, Ateliers und junge experimentelle Formate prägen das Stadtbild. Zwischen international etablierten Institutionen gedeiht eine junge Szene, die immer wieder neue Impulse setzt.

Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Über 2500 Menschen arbeiteten 2021 im Stadtkanton in kulturellen Berufen.

Von kultureller Eiszeit kann also kaum die Rede sein.

Der Blick auf Kunst und Künstlerinnen und Künstlern hat sich allerdings verändert.

Im 19. Jahrhundert wurde ein Künstler oft als Ausnahmefigur betrachtet – ein Genie, das sich über gesellschaftliche Regeln hinwegsetzen durfte. Exzentrik gehörte zum Berufsbild. Man erwartete, dass grosse Kunst auch grosse Persönlichkeiten hervorbringt.

Heute funktioniert das kulturelle Ökosystem anders.

Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Austausch – mit Institutionen, Veranstaltern, Förderern und Publikum. Künstlerinnen und Künstler geniessen weiterhin grosse Freiheit, doch sie sind zugleich Teil eines Gefüges, das auf Zusammenarbeit beruht.

Die klassische «Diva» hat es in diesem Umfeld etwas schwerer.

Starke Persönlichkeiten gibt es weiterhin – zum Glück. Doch künstlerische Autorität speist sich heute weniger aus Distanz als aus Qualität, Professionalität und Dialog.

Vielleicht ist das kein Verlust, sondern ein Fortschritt.

Wer heute einen Blick auf die Programme der Basler Bühnen wirft, erkennt schnell, wie weit sich die Stadt von Reiters Diagnose entfernt hat. Internationale Grössen aus Klassik, Jazz, Pop und Theater stehen regelmässig auf den Spielplänen. Gleichzeitig entstehen in ehemaligen Industriearealen neue Ateliers, experimentelle Galerien und temporäre Ausstellungsräume.

Die Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel zieht junge Talente aus aller Welt an. Off-Spaces und Pop-up-Ausstellungen sorgen dafür, dass die kulturelle Szene ständig in Bewegung bleibt.

Und nicht zuletzt schlägt Basels Kultur auch ausserhalb der Konzertsäle ihren Takt – etwa während der Fasnacht, wenn beim Morgestraich Piccolos und Trommeln die Stadt erfüllen.

Hochkultur und Volkskultur stehen hier nicht in Konkurrenz, sondern nebeneinander.

Vielleicht hätte Ernst Reiter heute also einen anderen Satz formuliert.

Das Stadtcasino Basel blickt im Jahr 2026 auf zweihundert Jahre Geschichte zurück. In diesen zwei Jahrhunderten haben unzählige Musikerinnen und Musiker, Dirigentinnen und Dirigenten, Komponistinnen und Komponisten aber auch unzählige Gäste seine Säle mit Klang gefüllt.

Manche waren begeistert. Andere skeptisch.

Doch jede dieser Stimmen gehört zu dem, was man das akustische Gedächtnis Basels nennen könnte.

Das Zitat von Ernst Reiter ist eine davon.

Ein kleiner, leicht spöttischer Kommentar aus der Vergangenheit – der heute vor allem eines zeigt: wie sehr sich eine Stadt verändern kann.

Und wie wichtig Orte sind, die solche Geschichten hörbar machen.